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Wie wird eine Legasthenie festgestellt?

Um festzustellen, ob bei einem Kind eine Legasthenie vorliegt, sollte eine eingehende Diagnostik durchgeführt werden. Hierzu gehören folgende Testverfahren:

  • Ein standardisierter Rechtschreibtest
  • Ein standardisierter Lesetest
  • Ein standardisierter Intelligenztest

Empfohlene Lesetests: Für den gesamten Primarbereich (standardisierte Lesetests, die empfohlen werden können, sind nur für den Primarbereich vorhanden):

  • Würzburger Leise Leseprobe (WLLP) von P. Küspert und W. Schneider (1998)
  • Salzburger Lesetest (SLRT) von K. Landerl, H. Wimmer und E. Moser (1997)
  • Knuspels Leseaufgaben von H. Marx (1998)

Empfohlene Rechtschreibtests:

  • Ende 1. - Anfang 2. Klasse: Weingartener Grundwortschatz Rechtschreib-Test für 1. und 2. Klassen (WRT 1+) von P. Birkel (1995).
  • Ende 2. - Mitte 3. Klasse: Weingartener Grundwortschatz Rechtschreib-Test für 2. und 3. Klassen (WRT 2+) von P. Birkel (1994) oder Diagnostischer Rechtschreibtest für 2. Klassen (DRT 2) von R. Müller, mit Neunormierung Auflage 1997.
  • Ende 3. - Anfang 4. Klasse: Weingartener Grundwortschatz Rechtschreib-Test für 3. und 4. Klassen (WRT 3+) von P. Birkel (1994) oder Diagnostischer Rechtschreibtest für 3. Klassen (DRT 3) von R. Müller, mit Neunormierung Auflage 1997.
  • Mitte 4. Klasse: Diagnostischer Rechtschreibtest für 4. Klassen (DRT 4) von M. Grund, G. Haug und C. L. Naumann (1994).
  • Mitte 4. - Anfang 5. Klasse: Grundwortschatz Rechtschreib-Test für 4. und 5. Klassen (GRT 4+) von P. Birkel (1990).
  • Mitte 5. Klasse: Diagnostischer Rechtschreibtest für 5. Klassen (DRT 5 ) von M. Grund, G. Haug und C.L. Naumann (1995).
  • Ende 5. - 9. Klasse: Hamburger Schreibprobe (HSP 5-9) von P. May (6., erweiterte Auflage 2002).
  • ab 15 - 32 Jahre: Rechtschreibungstests (R-T) von M. Kersting und K. Althoff (3., vollständig überarbeitete und neu normierte Auflage 2002).

Empfohlene Intelligenztests:

  • Kaufman Assessment Battery for Children (K-ABC), von A. S. Kaufman & N. L. Kaufman, Deutsche Bearbeitung von P. Melchers und U. Preuß (2001).
  • Hamburg-Wechsler-Intelligenztest für Kinder (HAWIK-III) von U. Tewes, P. Rossmann und U. Schallberger (3. Auflage 2000).
  • Grundintelligenztest Skala 2 (CFT 20) von R. H. Weiß (1998).

Zusätzlich zur Testdiagnostik wird ein ausführliches Gespräch über die Entwicklung des Kindes seit der Geburt und über die familiäre Situation durchgeführt. Anhand eines Schulberichtes werden der Leistungsstand im Lesen und Rechtschreiben sowie die Verhaltensweisen des Kindes im Unterricht beschrieben.

Die emotionale und persönliche Entwicklung des Kindes sollte im Rahmen einer psychologischen Untersuchung zusätzlich erfasst werden. Diese Untersuchungen werden insbesondere bei Kindern durchgeführt, die besonders ängstlich und traurig sind, vor Diktaten Bauchschmerzen entwickeln oder z. B. wieder einnässen. Aber auch bei sehr unruhigen, hyperaktiven Kindern ist eine umfangreichere Diagnostik zu empfehlen. Diese wird sinnvollerweise beim Arzt/Ärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie durchgeführt. Zu den oben bereits genannten Verfahren kommen Fragebogen und Computertests hinzu, um zu beurteilen, ob die Verhaltensauffälligkeiten so stark ausgeprägt sind, dass eine Behandlung dieser Probleme erfolgen sollte.

Bei einzelnen legasthenen Kindern besteht der Verdacht, dass zusätzlich eine Epilepsie vorliegt. Die Probleme dieser Kinder können recht unterschiedlich sein. Eventuell treten wiederholt sehr kurze Phasen von Abwesenheitszuständen auf, die bei Beobachtung des Kindes wie unaufmerksame Momente wirken. Bei Verdacht des Vorliegens einer Epilepsie sollte eine Elektroenzephalographie (EEG) durchgeführt werden. Bei Bestätigung des Verdachts ist eine ärztliche Behandlung dieser Störung notwendig.

Im Rahmen der ärztlichen Diagnostik werden auch Hör- und Sehfunktionen überprüft: Um auszuschließen, dass die Legasthenie nicht durch eine periphere Sehstörung verursacht ist, wird ein Sehtest durchgeführt. Wenn Kinder wiederholt berichten, dass ihnen beim Lesen die Buchstaben verschwimmen, dass es schwierig ist, den Satzanfang zu finden oder dass ihre Augen die Buchstaben in einer Zeile verlieren, sollte eine eingehende orthoptitische Untersuchung durchgeführt werden. Solche Untersuchungen werden allerdings nicht überall angeboten.

Eine periphere Hörstörung wird häufig mit Hilfe einer Tonschwellenaudiometrie untersucht. Bei legasthenen Kindern finden sich hier selten Auffälligkeiten. Hingegen liegen häufig Schwierigkeiten bei der Unterscheidung von Einzellauten vor. Diese Schwierigkeiten sind eher auf eine zentrale Verarbeitungsstörung der auditiven Information zurückzuführen. Im Rahmen einer psychologischen Untersuchung kann die Lautunterscheidungsfähigkeit erfasst werden.

Zusätzlich sollte die Sprechentwicklung beurteilt werden. Hierzu gehört die Beurteilung der Artikulationsfähigkeit von Einzellauten und komplexen Lauten. Bei manchen Kindern liegt zusätzlich eine Stottersymptomatik vor.

Anhand dieser gesamten vorliegenden Untersuchungsergebnisse wird dann entschieden, ob bei einem Kind eine Legasthenie vorliegt. Das Vorgehen hierbei ist aber nicht einheitlich.

Die Untersuchungsergebnisse sollten klar herausstellen, dass eine umschriebene Störung im Lesen und/oder Rechtschreiben vorliegt. Hiervon abzugrenzen ist eine Lernbehinderung. Von einer Lernbehinderung spricht man, wenn die kognitiven Fähigkeiten, gemessen anhand eines Intelligenztests, unterdurchschnittlich sind. Diese Abgrenzung ist unter mehreren Gesichtspunkten sinnvoll: Kinder mit einer Lernbehinderung benötigen andere Hilfestellungen und Förderkonzepte als legasthene Kinder. Die Entwicklung beider Störungen verläuft unterschiedlich. So können legasthene Kinder durchaus einen gymnasialen Abschluss erreichen, wohingegen lernbehinderte Kinder häufig nur einen Hauptschulabschluss erreichen oder die Schule für Lernhilfe ohne Abschluss beenden.

Neben der ärztlichen und psychologischen Diagnostik erfolgt die Beurteilung der Lese- und Rechtschreibfähigkeit durch die Schule. Im Vordergrund steht hier die qualititive Beurteilung des individuellen Entwicklungsstandes des Kindes im Lesen und Rechtschreiben. Zusätzlich fließt die Beurteilung des allgemeinen Lern- und Sozialverhaltens mit in die Beurteilung ein. Standardisierte Lese- und Rechtschreibtests werden hier selten eingesetzt. Auch jahrgangsweise Überprüfungen der Lese- und Rechtschreibfähigkeit werden bisher in den Schulen kaum durchgeführt. In einem Modellprojekt zur schulischen Förderung in Fördergruppen bei LRS, durchgeführt im Odenwald/Hessen (Modellprojekt MONA, Schulte-Körne et al. 2003), wurden über mehrere Jahre hindurch jahrgangsweise standardisierte Lese- und Rechtschreibtests durchgeführt. Zunächst war die Akzeptanz von klassenübergreifenden Tests im Lehrerkollegium gering. Nachdem aber der mögliche Nutzen für jeden Lehrer deutlich wurde, da er eine individuelle Rückmeldung über die Lese- und Rechtschreibentwicklung seiner Schüler bekam, erhöhte sich die Akzeptanz sehr. Es zeigte sich, dass die jahrgangsweise Durchführung der Rechtschreibtests zur Verbesserung des gesamten Niveau der Lese- und Rechtschreibleistung beitrug. Anhand dieses empirischen Ergebnisses lässt sich der Nutzen von jahrgangsweisen Tests anschaulich aufzeigen.

Ein weiterer Nutzen ist, dass durch solche diagnostischen Verfahren Risikokinder in den ersten Klassen schon frühzeitig erkannt werden können. Unterstützen die Ergebnisse des Screenings den Verdacht eines Risikos für eine Lese-Rechtschreibstörung, so wird dieses Kind anschließend ausführlicher untersucht. Anhand der dann vorliegenden Ergebnisse kann über die für dieses Kind adäquaten Fördermaßnahmen entschieden werden. Im Vergleich zu dem Vorgehen, das Kind erst dann zu untersuchen, wenn sich die Störung schon soweit ausgebildet hat, dass die Symptomatik sehr ausgeprägt ist und sekundär bereits psychische Probleme entstanden sind, ist in jedem Fall das Vorgehen anhand von Screenings zu bevorzugen.

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